{"id":1743,"date":"2019-11-16T18:56:05","date_gmt":"2019-11-16T17:56:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/?page_id=1743"},"modified":"2019-11-24T18:18:34","modified_gmt":"2019-11-24T17:18:34","slug":"donat-keusch-begegnet-dem-grossen-kuenstler-yilmaz-gueney","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/filme\/yol-the-full-version-2022\/donat-keusch-begegnet-dem-grossen-kuenstler-yilmaz-gueney\/","title":{"rendered":"Donat Keusch begegnet dem gro\u00dfen K\u00fcnstler Y\u0131lmaz G\u00fcney"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>Donat F. Keusch, Schweiz, M\u00e4rz 2008<\/em><\/p>\n<h3>S\u00dcR\u00dc &#8211; Das Meisterwerk<\/h3>\n<p>Es war im Februar 1979 w\u00e4hrend des Filmfestivals von Berlin, als mir nahe-gelegt wurde, einen t\u00fcrkischen Film im Forum-Programm anzuschauen. Die Vorf\u00fchrung fand im alten Kino Arsenal statt, einem der schlechtesten Kinos\u00e4le von ganz Berlin. Das Kino war total \u00fcberf\u00fcllt mit feuchten Menschen und ich setzte mich auf meinen Aktenkoffer am Rand. Dies und die Tatsache, dass ich wegen einer Augenentz\u00fcndung nur eingeschr\u00e4nkt sehen konnte, verga\u00df ich sehr schnell w\u00e4hrend der Vorf\u00fchrung des besten t\u00fcrkischen Films aller Zeiten: &#8222;S\u00dcR\u00dc&#8220; (Die Herde), geschrieben und produziert vom H\u00e4ftling Y\u0131lmaz G\u00fcney, von der Regieseite her betreut von Zeki \u00d6kten. Die vorgef\u00fchrte Filmkopie war grauenhaft schlecht, die Untertitel unvollst\u00e4ndig und von unakzeptabler Qualit\u00e4t. Aber all dies konnte die tiefen Wahrheiten, die dieser Film erz\u00e4hlte, und die Kraft dieses Kunstwerkes nicht besch\u00e4digen. Niemand verlie\u00df den Saal vorzeitig. Mein Aktenkoffer ist immer noch besch\u00e4digt von meiner denkw\u00fcrdigen ersten Bege-gnung mit dem Schaffen eines der gr\u00f6\u00dften K\u00fcnstler des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Verleih-, Weltvertriebs- und Produktionsfirma Cactus Film war ich unter anderem mit dem Einkauf von Filmen besch\u00e4ftigt. Ich wollte &#8222;S\u00dcR\u00dc&#8220; sofort f\u00fcr die Auswertung in der Schweiz kaufen, aber die beiden Frauen der Verlagsfirma Umut Sanat, die den Film in Berlin vertraten, hatten keine Erfahrung mit dem Verkauf von Filmlizenzen. Als es mir nicht gelang, sie davor zu bewahren, sich von einem deutschen Eink\u00e4ufer \u00fcbers Ohr hauen zu lassen, beschloss ich, den Film direkt bei der Produktionsfirma G\u00fcney Filmcilik in Istanbul zu kaufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Der Beginn einer Freundschaft<\/h3>\n<p>Anfangs Sommer 1979 diskutierte ich in Istanbul mit dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von G\u00fcney Filmcilik und seiner \u00fcbersetzenden Kollegin w\u00e4hrend drei Tagen poli-tische Fragen. Nebenbei versuchte ich, diesen Filmhandelslaien beizubringen, was ein Lizenzvertrag ist und wie er partnerschaftlich zu gestalten w\u00e4re. Sie wollten, dass ich die angebotene Minimumgarantie bar auf den Tisch lege und mir im Gegenzug drei 35mm-Kopien des Films (60 kg) und Werbematerial (20 kg) aush\u00e4ndigen. Als sie begriffen hatten, dass man auf diese Weise solche Gesch\u00e4fte nicht macht, haben sie mich am 4. Tag mehr als eine Stunde durch Istanbul gefahren, bis ich nicht mehr wusste, wo ich war. Sie teilten mir mit, dass wir nun in Y\u0131lmaz G\u00fcney&#8217;s Wohnung gehen w\u00fcrden, um ein paar Leute zu treffen. Als ich dort eintrat, waren ca. 15 Leute im Wohnzimmer und obwohl ich G\u00fcney noch nie gesehen hatte, wusste ich sofort, dass er anwesend war. Er strahlte eine solch seltsame Kraft aus, dass man sich automatisch ihm zuwandte. Wir hatten ein Gespr\u00e4ch \u00fcber politische Fragen und \u00fcber seine pers\u00f6nliche Situation. Er meinte, dass es 1980 eine Amnestie geben w\u00fcrde und glaubte mir nicht, dass die M\u00e4chtigen seines Landes ihn niemals wieder freilassen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Leider behielt ich recht. Im Jahre 1980 fand ein Milit\u00e4rputsch statt und gegen Y\u0131lmaz P\u00fct\u00fcn wurden wegen der Erw\u00e4hnung des kurdischen Volkes in Gru\u00df-botschaften an Festivals weitere Prozesse angek\u00fcndigt, die ihn f\u00fcr mindestens zus\u00e4tzliche 20 Jahre im Gef\u00e4ngnis halten sollten.<\/p>\n<p>Er entschied schweren Herzens, sein Land zu verlassen, was schlie\u00dflich mit Hilfe von europ\u00e4ischen Freunden im Oktober 1981 gelang. Mit Hilfe von Jules Dassin und Melina Mercouri wurde die franz\u00f6sische Mitterrand-Regierung \u00fcberzeugt, G\u00fcney Asyl zu gew\u00e4hren. Ich war f\u00fcr die Planung und die komplizierte Durch-f\u00fchrung seiner Flucht aus dem Gef\u00e4ngnis in Isparta und aus seinem Land verant-wortlich. Wir haben mit meinem Plan A angefangen und mit dem Plan B das Ganze erfolgreich abgeschlossen. Auf die Euphorie \u00fcber die gelungene Befreiung folgte drei Jahre sp\u00e4ter die Trauer, als er in Paris einem Krebsleiden erlag.<\/p>\n<p>&#8222;G\u00fcney&#8220; hei\u00dft &#8222;S\u00fcden&#8220; und war Y\u0131lmaz&#8216; K\u00fcnstlername. Dieser Mann war in den 70er und 80er Jahren neben Atat\u00fcrk der bekannteste Mann der T\u00fcrkei und wird bis heute von gro\u00dfen Teilen des Volkes verehrt. Trotz weitgehenden Anstrengun-gen der faschistischen Milit\u00e4rjunta und ihren nachfolgenden Marionetten-regierungen ist es nicht gelungen, das Andenken an diesen gro\u00dfen Freund des Volkes, K\u00fcnstler und Politiker zu besch\u00e4digen. In seinen Filmwerken &#8222;YOL&#8220; (Der Weg), &#8222;D\u00dc\u015eMAN&#8220; (Der Feind), &#8222;S\u00dcR\u00dc&#8220; (Die Herde) und vielen anderen lebt er weiter.<\/p>\n<p>&#8222;YOL&#8220; (Drehbuch- und Arbeitstitel BAYRAM) wurde von meiner Firma Cactus Film produziert und G\u00fcney Filmcilik f\u00fchrte in unserem Auftrag die Dreharbeiten in der T\u00fcrkei durch. Der Film lief in unfertiger, im letzten Moment zusammen geschnittenen Fassung im Wettbewerbsprogramm von Cannes 1982 und gewann zu unserer \u00dcberraschung die Goldene Palme.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Donat F. Keusch, Schweiz, M\u00e4rz 2008<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donat F. Keusch, Schweiz, M\u00e4rz 2008 S\u00dcR\u00dc &#8211; Das Meisterwerk Es war im Februar 1979 w\u00e4hrend des Filmfestivals von Berlin, als mir nahe-gelegt wurde, einen t\u00fcrkischen Film im Forum-Programm anzuschauen&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":554,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-1743","page","type-page","status-publish","hentry","boxed-1000","white"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1743"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1743\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1745,"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1743\/revisions\/1745"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/554"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dfkfilms.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}